DIE ANWESENHEIT EINES ABWESENDEN: „Es ist eine Entwürdigung des Menschen, ihn an ein Ruder zu ketten und ihn als Kraftquelle zu benutzen; fast ebenso entwürdigend ist es aber, ihn in einer Fabrik immer den gleichen Arbeitsgang wiederholen zu lassen, zu dessen Ausführung er nicht einmal einen Bruchteil seiner Geisteskräfte benötigt. Es ist leichter eine Fabrik oder eine Galeere zu konstruieren, in der Menschen um eines geringen Teils ihrer Fähigkeiten willen verwendet werden, als eine Welt zu schaffen, in welcher der Mensch alle seine Anlagen entfalten kann.“ Norbert Wiener

 

Die Gebäude folgten nur dem Zweck einer maximalen Fabrikation. Sie waren geprägt von Sachlichkeit und Funktion. Mit ihnen wurden Orte der Arbeit, der Produktivität geschaffen. Mensch und Maschine wurden hier zu einer Symbiose des Schaffens gezwungen. Die Maschine zu jeder Stunde an ihren Standort gefesselt, während der Mensch im Schichtbetrieb die  Produktivität am Leben erhalten musste.

 

Tritt man heute den Weg des damaligen Arbeiters an, so erfährt man die Geschichte der Industrialisierung als real existierend. Mit dem Übertreten der Schwelle von dem profanem in den industriellen Raum erfährt man einen neuen Kosmos einer vergangenen Zeit. So scheint es, dass der Puls der Industrialisierung hier in diesen Räumen zur Ruhe gekommen ist. Es herrscht jetzt Stille an jenen Orten, der durch tausende kleine Töne zu einem lärmenden Orchester der Arbeit wurde. Mensch und Maschine sind zerstreut oder vergangen, es scheint als klammere jetzt nur noch das Gemäuer an seiner Existenz.

 

Manche Hallen sind schon längst ihrer Selbst überlassen und so ornamentieren mancher Orts Graffitis das schmucklose Gemäuer und Kabelhüllen, deren Kupfer wie im Goldrausch aus Böden und Wänden gerissen wurde übersähen den Boden. Sauerstofflose Luft hängt, schwer und verbraucht, schweflig und ölig, und staubig in den Räumen, wie Schweiß, der im Arbeiterhemd steckt. Moose und Gräser kämpfen hier und da auf dem fruchtlosen Boden ums Überleben. So muss sich der Raum wie alles Materielle dem Naturgesetz der Zeit beugen und sich in einen neuen, lebendigen Prozess fügen.

LOST / PLACES

DIE ANWESENHEIT EINES ABWESENDEN

 

AUFTRAGGEBER I Studium

ART I dokumentarische Architekturfotografie

ZIEL I Dokumentation von Industriegebäuden vor deren Abriss

JAHR I 2009 bis 2012

ORT I Köln und Nordrhein Westfalen