BRUTALISMUS AN DER REALSCHULE

Im Artikel „Neubau am alten Standort. Generalsanierung verworfen — Sportplatz weicht Schulhaus und umgekehrt“ vom 13. Februar 2020 wird davon berichtet, dass die Entscheidung, ob die Realschule abgerissen wird, kurz bevor steht. Landrat Peter Dreier erklärt darin: „Wenn man vernünftig, wirtschaftlich und nachhaltig denkt, dann gibt’s eigentlich nur eine Lösung.“ Ohne nähere Daten zur Analyse kann man das schwer belegen oder widerlegen. Kurz danach hat uns der Architekt Josef Winkler in seinem Leserbrief dazu eingeladen, das Gebäude mit Fotos auf der Homepage der Stadt Vilsbiburg neu zu entdecken. Ich schließe mich jetzt mit den Ergebnissen meines eigenen Näherungsversuchs an diese Architektur an, denn der Ausgangspunkt für seriöse Meinungsbildung allgemein ist umfassende Recherche.

Die Architektur der Realschule, aussen wie innen, zeigt „brutalistische“ Züge. Was heißt das? Es beschreibt den rauen Sichtbeton, der im Sinne einer Materialehrlichkeit eine Ästhetik erzeugt, die ohne Dekor oder irgendetwas anderem als der reinen geometrischen Konstruktion und der Materialität auskommt. Das zeigt sich im Motiv der steilen Schräge, das sich in der Dachlandschaft zeigt, aber auch immer wieder im Innenraum (Form der Lichtschächte, der Brüstungen und Treppen). Die Form der Säulen ergibt sich aus einem logischen, konstruktiven Grund. Ein runder Säulen-schaft trägt die Punktlast, ein kegelförmiges Kapitell unterstützt die Kräfte-verteilung. Die feine Oberflächenstruktur des Betons durch die Bretter-schalung erzeugt eine sanfte Rauheit und unterstreicht die Dynamik der Geometrie. Die Sichtbetonflächen und auch die Backsteinböden zeigen ihre pure Oberfläche. Dies erforderte Detailplanung und kunstvolles Handwerk. Keine spätere Verkleidung würde Planungs- oder Ausführungsfehler verdecken, alles ist sichtbar.

Diese Architektur kann befremdlich, „brutal“, rücksichtslos, eigenwillig oder unsensibel wirken, aber sie ist eigentlich das Gegenteil. So etwas zu bauen erfordert Hingabe, Ehrlichkeit und Mut. Das zeigt sich auch im Gebäude: es steht da, in seiner puren Existenz, es zeigt unperfekte Perfektion, fast menschlich. In der starken Dominanz ist es gleichzeitig verletzlich.

Kein Gebäude, keine „Investition“, wird willkürlich ohne Absicht gebaut. Die brutalistische Architektur ist Teil der späten Nachkriegszeit, in der neue (Lebens-) Wege und Ideale entworfen wurden. Sie zeugt von experimentellem Umbruch, genau wie Rockmusik oder Flower Power. Architektur ist ein stiller Zeuge unserer Vergangenheit. Sie verdient nähere Auseinandersetzung. Das löst ihre Bedeutung vom Schönheitsbegriff, den jeder individuell in 10 Jahren anders empfinden wird als heute. Ich finde es „schön“, dass die Vilsbiburger Realschule eine Behausung hat, die so viel Selbstbewusstsein, Mut, Individualität und Sensibilität ausstrahlt. Auch, wenn das Gesamtbild durch die Um- und Anbauten über die Jahre etwas an ihrer Klarheit verloren hat. Ich fände es daher sehr schade, wenn man nicht mit Nachdruck versuchen würde, die ursprüngliche Qualität zu erhalten und mit Neubauten zu ergänzen. Nachhaltigkeit, Wirtschaft-lichkeit, Ökologie – das sind Werte, die in der Definition für jeden variieren, aber sie sind beim Erhalt, besonders von Betongebäuden, fast immer höher als bei Abriss und Neubau, denn ein CO2-Ausgleich durch Energieeinsparung kann erst nach vielen Jahrzehnten erreicht werden. Es ist klar, dass ein Gebäude, das nach den zeitgemäßen Standards konzipiert wurde, zukünftigen Standards nicht ohne parallele Entwicklung gerecht werden kann. Auch unsere heutigen Standards werden in 30 Jahren nicht mehr genügen, jedoch kann das kein pauschales Argument für regelmäßiges Austauschen der gesamten Architekturkultur sein. Keine Architektur ist gleich, keine Architektur ist einfach, aber was ist das schon. Architektur ist Kultur und ob wir sie verstehen (wollen) oder nicht, Diversität gehört zu unserer Gesellschaft und muss akzeptiert werden. Es ist besonders, dass Vilsbiburg ein solches Gebäude, einzigartig in unserer Region, hat. Die Organisation „SOS Brutalismus“ der Stiftung Wüstenrot kämpft weltweit für den Erhalt dieser Gebäude und trifft dabei vielfach das Interesse einer breiten Öffentlichkeit. Ich hoffe, dass die Realschule Vilsbiburg nicht abgerissen wird, ohne einen Erhaltungsversuch mit ehrlicher Hingabe und ohne dass man sich deren überregionalen Bedeutung bewusst ist.

Architekt

  • Josef Winkler, Regensburg

Autorin

  • Lucia Maier B.A. (Architektur) Masterstudentin der Historischen Bauforschung an der OTH Regensburg, Vilsbiburg

#SOSBrutalism

  • Das Deutsches Architekturmuseum (DAM) und die Wüstenrot Stiftung unterhalten eine großartige Internetseite mit weltweit gelisteten Gebäuden dieses Baustils: www.sosbrutalism.org/cms/20133266

Umsetzung

  • November 2020, Vilsbiburg
  • In Zusammenarbeit mit Thomas Neumeister, Landshut